Geduldig, aber feig

 

Gelassen hatte sie die Einladung bei der Mutter ihrer „zukünftigen Schwiegertochter“ wahrgenommen. Fast schon vorgeladen, keinen  Widerspruch, weder Zeit noch sonstige Verhinderungsgründe geltend lassend…man muss sich schließlich kennenlernen, wenn die Kinder einander näher kommen und tun, was Jugendliche in dem Alter tun.  Geduldig hatte sie zugehört, wie von herausragenden Leistungen erzählt wurde, sie selbst wäre schließlich Magistra und würde täglich Sport machen und beim Tanzturnier ganz vorne dabei sein. Was sie sich alles leisten können, wohin sie reisen, dass man auf Fleisch verzichten soll, weil die Tiere ja ach so arm sind, aber gleich neben dem Kühlschrank – Katzenbilligfras vom Lidl… Rind mit Gemüse. Die Tochter maßregelnd, weil sie doch soviele Klamotten hätte und nicht an die frische Luft gehe und überhaupt, das sei kein Zustand, immer nur mit B. herumhängend und in den Tag hineinlebend.
Geduldig hatte sie die Fragen zu meiner Lebensführung beantwortet, und zugehört, wie B. seine Zukunftsplanung erklärte. Abwägend, abschätzend, prüfend war ihr Blick…ob Sohnemann und sie den Ansprüchen der Familie wohl gerecht werden würden?
Als sie sich dann über ihn lustig machte, und sie sah, wie traurig er wurde, und seine Liebste mitfühlend nach seiner Hand griff, da wurde sie ungeduldig. Aber bereits vorher von den Verliebten instruiert, damit sie ja für gute Stimmung sorge, blieb sie ruhig. Ein Anflug von Zorn machte sich breit, als sie ihrer Tochter unterstellte, sie hätte keine Ahnung vom Leben ihrer Mutter, und körperliche Liebe – ja, dass würde gar nicht in Frage kommen, allein schon, weil sie es verbiete. Nur die beiden jungen Leute und sie wussten offensichtlich, dass dies schon längst geschehen war, und ihrer beider Sorgen damit scheinbar nur im Haus des Sohnes Gehör gefunden hatten. Also wer wusste über wessen Leben Bescheid?
Ein Themenwechsel brachte Entspannung. Geduldig ertrug sie eine weitere Stunde geist- und sinnloses Geplapper, sorgte auftragsgemäß für so manchen Lacher. Die nächstbeste Gelegenheit nutzte sie zur Flucht.
Die beiden jungen Leute waren zufrieden mit dem Verlauf des Nachmittags, „Danke – gut gemacht – Test bestanden“ via SMS fünf Minuten nach dem Verlassen des Hauses.

 

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